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Meine Mama-Tante Rosi ist tot

Heute ist meine Tante 117 Tage tot.

Warum Mama-Tante?

Weil sie die eineiige Zwillingsschwester meiner Mutter war und mich wie niemand anderes in meinem Leben so intensiv begleitet hat.

Als Rosi vor 3 Jahren, im Jahr 2023, Darmkrebs diagnostiziert wurde, habe ich gespürt wie es mir durchs Mark ging. Die erste Fahrt nach der Diagnose von meinem Arbeitsort Wiesbaden zu ihr nach Köln hat mich geschüttelt. Der Gedanke an Ihren Verlust hat mich verrückt gemacht. Schon da begannen bei mir die schrecklichen Vorstellungen, wie es ohne sie sein würde.

Cool – wie Rosi immer war, eine Kölsche Jecke mit spanischen Wurzeln – ließ sie sich nichts anmerken von ihrer Todesangst und sagte dem Krebs den Kampf an. Etliche Operationen folgten: Teile des Darms wurden entfernt sowie die Milz und etliche Lymphdrüsen, ein halbes Jahr später Teile der Leber. Die Metastasen breiteten sich weiter aus. Rosi blieb tapfer und ließ sich ihr Leben nicht nehmen. In der Reha ging sie nicht zur Einzeltherapie, weigerte sich immer über den Krebs reden zu müssen.

Mit ihrem kölschen Akzent sagte sie: „Der Krebs ist da, das wissen wir nun. Na und? Ständig drüber reden und immer sagen: Ich habe Krebs (äffte sie ihrer Therapeutin nach) Hilft auch keinem!“ Und so ging sie regelmäßig zu den Chemos und probierte verschiedene Verfahren aus. Mit ihren über 80 Jahren wollte sie es wissen.

Meine Mutter Christa, ihre Zwillingsschwester, war immer an ihrer Seite. Zusammen entschieden sie alles. Auch wenn meine Mutter immer sagte: „Das muss Rosi selber wissen.“ So fragte Rosi bei jeder Entscheidung: „Christa, was denkst Du?“ Uns allen war klar, das die Lage ernst ist. Und so zog ich von meinem Arbeitsort auch wieder zurück nach Neuss, um näher an meinen Zwillingen zu sein. Sie füllten gemeinsam ihre Patientenverfügungen aus und ich wurde als Tochter/Nichte mit eingetragen. Sie entschieden gemeinsam, wie und wo sie beerdigt werden wollen. Sie planten mit mir zusammen 2024 eine Spanienreise, traten sie aber nicht an, weil eine OP dringend erforderlich wurde. Und ich saß allein im Urlaub und wurde vor Kummer krank. Zu stark sind unsere Verbindungen und mein Mitgefühl. Die Zeit nach der Diagnose war uns allen kostbar, kaum auszuhalten, manchmal super fröhlich, zerrend, traurig, aber einfach zu kurz.

Unser letztes großes Fest war die Hochzeit meiner Großcousine in Schottland, 2025. Wir sind nochmal alle dort hingeflogen und haben gefeiert. Rosi musste sich zwar gegen 19 Uhr hinlegen, weil sie einfach immer schwächer wurde, aber die Erinnerung an das gemeinsame Fest trägt uns alle noch heute.

Stille Generation

Ein Phänomen war auch ihre Schmerzlosigkeit. Ihr ging es 3 Jahre lang körperlich immer gut. Sie hatte keine Schmerzen. Trauer hatte sie und auch manche depressiven Tage, aber bis zu letzt keine Schmerzen. Wenn ich sie mal in traurigen Stunden erwischte, wollte sie die auch weg wischen. Ich habe ihr immer geraten auch traurig zu sein und ihr gesagt, dass sie guten Grund dazu hat. Wenig später gab es immer etwas zu lachen und der Kummer war vorbei. Leider wuchsen die Metastasen weiter und eine der letzten Chemos zeigte keine Wirkung. So wurde die Dosis erhöht und das erste Mal hatte Rosi einen totalen Energieabfall und konnte nicht mehr aufstehen. Sie fiel aus dem Bett bei meiner Mutter und meine Mutter hatte nicht die Kraft sie hoch zu hiefen. So schlief sie auf dem Boden, weil beide niemanden in der Nacht zur Hilfe rufen wollten. (Ganz das Verhalten der stillen Generation.) Am nächsten Tag fuhr meine Mutter sie nach Köln ins Krankenhaus. Und da begann das Desaster.

Laut Krankeninfo schätzte der behandelnde Arzt die Situation meiner Tante ein und ging davon aus, dass er es mit einer Patientin von 82 Jahren zu tun hat, die nicht mehr selbständig gehen kann und der Diagnose nach schon längst das Zeitliche hätte gesegnet haben sollen. Eine schwere Lungenentzündung schwächte sie zusätzlich und sie konnte sich kaum noch artikulieren.

Wann setzt die Patientenverfügung ein?

Was passierte? Die Patientenverfügung setzte ein. Und in der war zu lesen, dass Rosi keine lebensverlängernden Maßnahmen wollte. Man hatte ihr nur noch Sauerstoff gegeben und Schmerzmittel. Bis wir – meine Mutter und ich – die Situation verstanden und der Arzt nur nach dem Ist-Zustand ging und nicht ihre Vorgeschichte kannte, war Rosi mehrere Tage ohne Flüssigkeit und Nahrung! Wir haben interveniert. Als sie dann endlich wieder Flüssigkeit und Nahrung bekam, konnte sie sich auch wieder artikulieren. Doch der Arzt sah keine Hoffnung. Er sagte mir, dass eine Lungenentzündung in solch einer Situation auch ein Segen sein könnte. Ich habe mit ihm intensiv gesprochen und auch die Situation meiner Tante vor dem Energieabsturz berichtet. Doch er wollte sie ins Hospiz abschieben.

Das wollte meine Tante nicht erleben, mit Hospiz verband Rosi ganz schlimme Erinnerungen an eine Freundin und so wollte Rosi nicht enden. Sie wollte wenn zu Hause sterben. Und so legte ich alle Hebel in Bewegung und organisierte eine 24 Stunden Pflege, da meine Mutter auch an ihre Grenzen kam und einen häuslichen Palliativarzt!

Zwischen Zeit und Raum

Trotz der häuslichen Vorkehrungen wollte der behandelnde Arzt meine Tante auf einer Palliativstation verweisen, damit sie dort zu Kräften kommt. Inzwischen hatten sie das Antibiotika abgesetzt, das hätte meine Tante selbst veranlasst. Auf der Palliativ angekommen und mit dem Wissen, dass sie bald nach hause kann, wenn sie die Lungenentzündung überstanden hatte, lebte sie nochmal richtig auf. Sie hatte Appetit und witzelte nochmal. Mir erzählte sie zum x-ten Mal eine Geschichte aus meiner Kindheit, wie sie mit mir in Spanien – als ich gerade mal drei Jahre alt war – in ihre Lieblingsbar zum Franzosen gegangen war. Dort trank sie gerne Cocktails mit Zuckerrand, den ich auf der Theke sitzend auch bekam, natürlich ohne Alkohol. Wir hatten immer einen guten Draht. Mein ganzes Leben habe ich mit ihr verbracht. Ich selbst konnte die Zwillinge nicht unterscheiden und habe oft zu meiner Tante Mutti gesagt, weil die beiden sich auch im hohen Alter zum verwechseln ähnlich sahen und immer die gleichen Sachen trugen. Nun lag meine Tante klein und gebrechlich vor mir. Geschwächt von den letzten Tagen ohne Nahrung und wütend als ich ihr erzählte, dass man das Antibiotika abgesetzt hätte, weil sie es angeblich nicht mehr wollte. Sie versicherte, dass sie das nicht veranlasst hätte. Da sagte ich ihr nur: „Rosi, werde gesund und komm aus dem Krankenhaus raus. Und dann verklagen wir sie!“ Sie lachte nochmal richtig kräftig und herzlich.

Das war das letzte Gespräch. Am nächsten Tag war sie kaum noch ansprechbar. In der Nacht hatte sich ihr Zustand verschlimmert. Sie lag in der Babyhaltung und atmete schon ganz unregelmäßig. Das erfahrene Paliativteam bereitete uns vor, dass es nicht mehr lange dauern würde. Noch an dem Abend des 1. März 2026 verließ Rosi diese Welt.

Zeit nehmen für Abschied

Am nächsten Tag durften wir uns von ihr in aller Ruhe verabschieden. Sie hatten ihr ein T-Shirt mit einem Tiger angezogen und ihre Hände entspannt über die Decke gelegt. Über zwei Stunden saß meine Mutter, ihre Zwillingsschwester, und ich an ihrem Totenbett. Da die beiden Zwillingsschwestern anonym beerdigt werden wollten, war das auch die letzte Gelegenheit sich zu verabschieden.

Mir ging das persönlich alles viel zu schnell. Ich hatte das Gefühl unter Druck zu stehen und alles sofort erledigen zu müssen. Innerhalb von wenigen Tagen wurde die Wohnung meiner Tante in Köln entrümpelt und aufgelöst. Sogenannte „Freunde“ von Ihr standen in den Startlöchern, um sich Rosis Möbel unter den Nagel zu reißen. Mir kamen sie vor wie Aasgeier, die ständig um uns Trauernde kreisten nur um Beute zu machen.

Die anonyme Bestattung bezahlten wir dann auch zwischen Tür und Angel bei dem Bestatter zu Hause. Ich kam mir vor, als wenn ich einen Dealer besuchte.

Abschied ist etwas persönliches

Es fühlte sich alles nicht richtig für mich an, so dass ich mit meiner Großcousine in Schottland beschloss, dass ich eine Abschiedsfeier für Rosi organisiere. Rosi wollte, dass ihre Asche in Köln verstreut wird, den Wunsch hatten wir ihr erfüllt. Ganz anonym ist das geschehen. Doch wie sieht es für die Hinterbliebenen aus? Wie und wo können wir trauern? Ich lebe in Neuss und brauchte etwas, wo ich trauern konnte – einen Ort. Zunächst nutzte ich die neuen Medien und stellte die schönsten Bilder in meinen WhatsApp Status. Ich dokumentierte meine Gefühle auf Instagram und machte kleine Videos von den Bildern meiner Tante.

Dann schaute ich alles durch, was ich in Köln aus der Wohnung vor den Aasgeiern retten konnte und beschloss mein Gartenhäuschen zu einer Erinnerungshütte an Rosi umzugestalten. Gesagt, getan. Ich kaufte Mobilees und hing Fotos aus dem gesamten Leben meiner Tante auf. Stellte ihre Parfums dort hin und einige ihrer Kleider. In meiner ganzen Wohnung verteilte ich ihre Engelchen, die sie ihr Leben lang gesammelt hatte. Diese Eigenart habe ich auch 😉

Rituale schaffen

6 Wochen nach dem Tod meiner Tante lud ich meine nächsten Verwandten zu mir ein. Sehr passend, denn in der katholischen Kirche gibt es ein Sechs-Wochen-Amt und bei den Yogis braucht es 40 Tage um etwas zu verarbeiten. Intuitiv machte ich es ohne nachzudenken. Am Abend vor dem Abschiedsfest kreierte ich einen „Adios-Rosi-Cocktail“ und bereitete ein deutsch-spanisches Büffet vor. Am Morgen des Abschiedsfestes verfasste ich spontan eine Rede und als die 10 engsten Verwandten kamen, lud ich sie in die Erinnerungshütte ein. Jeder bekam ein besticktes Stofftaschentuch, die Rosi gesammelt hatte und dann hielt ich das erste Mal eine Trauerrede. Zum Ende der Rede verteilte ich die Rosi-Cocktails und sagte: “ Wenn Rosi uns jetzt zu schaut, dann würde sie sagen: ‚Stößchen bevor es nach Glas schmeckt.'“ Wir hatten einen wirklich schönen Tag zusammen, erinnerten uns, weinten und lachten.

Mich hat es veranlasst ein regelmäßiges Cousinchen-Treffen einmal im Jahr zu etablieren. Es tat gut zusammen zu trauern und die Familie und unsere Gemeinschaft zu spüren. Letzte Woche habe ich die Fotos im Gartenhäuschen abgenommen. Den Ort brauche ich jetzt nicht mehr.

Gestern bin ich über die Zoobrücke in Köln gefahren, da habe ich an Rosi gedacht und im Radio lief das Lied „Geboren um zu leben“ von Unheilig.

Rosi hat mir ihr ganzes Leben vorgelebt wirklich zu leben. Spaß und Freude zu haben. Mal fünfe grade sein zu lassen. Ganz wie die Kölner „gönne können“ und jeden sein lassen, wie er ist. Sich nicht zu verbiegen und immer weiter zu machen, immer wieder aufzustehen, nie aufzugeben. Das Leben einfach zu lieben!

Wir waren geboren um zu leben
Mit den Wundern jener Zeit
Sich niemals zu vergessen
Bis in alle Ewigkeit
Wir waren geboren um zu leben
Für den einen Augenblick
Bei dem jeder von uns spürte
Wie wertvoll Leben ist

Unheilig

Adios Rosi


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