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Trauerorte selber schaffen

Manchmal weiß man Dinge, die glaubt man selbst garnicht zu wissen. Je älter ich werde, umso mehr Wissen tritt zu tage. Inzwischen bin ich aufgrund meiner Lebenserfahrung überzeugt, dass wir in uns natürlich vieles gelerntes Wissen, aber auch tiefes intuitives Wissen gespeichert haben und dieses Wissen sich zeigt, wenn wir es dringend brauchen.

Ganz besonders in Notsituationen und wenn es brenzlig im Leben wird. Zu solchen Notsituationen zählt natürlich auch der Verlust eines sehr nahestehenden Menschen. Wie ihr wisst, habe ich vor nicht all zu langer Zeit meine Tante verloren. Rückblickend habe ich die ganze Zeit – ab dem Verlust und während der Trauer – total intuitiv gehandelt und tue es noch. Ich habe meine Gefühle raus gelassen. Habe meine Wut rausgeschrien. Habe geweint, wenn die Tränen kamen. Habe nichts zurück gehalten. Alles was ich fühlte bekam seinen Raum. Und meine Trauer wollte einen speziellen Raum.

Ich erinnere mich, dass eine Trauerbegleiterin mir einmal sagte, dass die Trauerorte sich auch ändern könnten. Erst ist es der Friedhof und dann ein ganz anderer Ort. Als Trauernder geht man durch Trauerphasen und in jeder Phase können die Bedürfnisse ganz unterschiedlich sein.

Erinnerungshütte

Da meine Tante eine anonyme Beisetzung wollte und ich noch nicht mal wusste, wo ihre Asche in Köln verstreut wurde, habe ich gemerkt, dass ich einen eigenen Trauerort schaffen musste.

Ich machte es zunächst für mich und später für meine ganze Familie. Als erstes war der Raum digital. Im WhatsApp-Status postet ich die Fotos meiner Tante, dann bei Instagram und später zeigte ich auch Reels. Doch der digitale Raum reichte mir nicht aus und so ging ich in mir auf die Suche, was ich jetzt brauche.

In meinem Garten in Neuss habe ich ein Gartenhaus, dass ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht nutzte. Es ist mehr eine stylische skandinavische Hütte, die mir als Raum für Yoga diente. Da ich kein Yoga mehr praktiziere, war der Sinn verloren gegangen. Ideal, um dieser Hütte einen neuen Sinn und Zweck zu geben.

Nachdem ich eine Vorauswahl aller Fotoalben und Fotokisten von meiner Tante getroffen hatte, war klar, dass ich ihre Fotos und Andenken in dieser Hütte installiere und den Raum zu einer Erinnerungshütte umfunktioniere. Da ich nicht nur gerne an mich, sondern auch an andere denke, machte ich es auch für meine ganze Familie.

Ich bestellte verschiedene Mobilees und konnte das Eintreffen kaum erwarten. 24 Stunden später hingen rund 80 Fotos aus dem Leben meiner Tante in der Hütte. Diese Fotos aufzuhängen, die einzelnen Etappen ihres Lebens zu betrachten und alles aufeinander abzustimmen, tat mir sehr gut. Ich erinnerte mich an all meine Besuche bei ihr, ob in Spanien oder Köln. Unsere gemeinsamen Skiurlaube und die vielen Feste.

Ich drapierte ihre Sammlerstücke – die verschiedensten Engel – stellte Kerzen auf und zündete sie jedes Mal an, wenn ich mich mit einer Tasse Tee zu meiner Tante in die Hütte setzte. Dort las ich all die Liebesbriefe ihres Mannes aus den 1970er Jahren, die per Luftpost zwischen Köln und Valencia geschickt wurden. Stellte ihre Lieblingsparfüms auf und hing einige ihrer Kleidungsstücke, die mir nicht passten auf.

Der Duft in den Kleidern

In den ersten Wochen hatte ich jeden Tag etwas von meiner Tante an. Ich trug kein schwarz, aber immer ein Kleidungsstück oder Schmuckstück von ihr. Die ersten Wochen sind meist geprägt vom nicht loslassen wollen und so entwarf ich ein Trauerschmuckstück. Ihren Lieblingsanhänger und zwei Perlen für die Zwillingsschwestern knüpfte ich an einem Band zusammen. Ich trug es wochenlang, bis ich es nicht mehr fühlte. Meine Tante sammelte ihr Leben lang Engel und bestickte Taschentücher. Zur Abschiedsfeier in der Erinnerungshütte gab ich jedem der Gäste ein Taschentuch mit ihrem ganz eigenem Duft, der noch zu riechen war.

Freiheit schafft kreativen Raum

In dem ich mir die Freiheit nahm meiner Intuition zu folgen und das umzusetzen, was mir durch den Kopf oder mein Herz ging, konnte ich Stück für Stück loslassen. Nach gut 3 Monaten ließ das Bedürfnis nach in die Hütte zu gehen. Ich merkte, dass ich den Trauer-Raum nicht mehr brauchte. So nahm ich an einem Tag alle Fotos ab und packte sie in eine schöne Kiste. Auch in meinem Zuhause räumte ich die Erinnerungsstücke zusammen und reduzierte sie auf ein Minimum. Ich holte mir meinen persönlichen Lebens-Raum zurück. Auf einmal erinnerte ich mich an ein Gästebett, dass ich noch hatte und richtete mir die Hütte neu ein, um einen Raum für mich zu schaffen, indem ich mich zurückziehen und entspannen kann. All das zeigt mir, dass dieses intuitive Wissen mein Handeln beeinflussen kann, um besser und entspannter mit dem Verlust umgehen zu können. Gleichzeitig hilft es mir alles besser zu verarbeiten. Denn Trauer braucht Zeit und Raum, manchmal einen imaginären, manchmal einen realen. Wichtig ist, dass Du Deinen eigenen Raum schaffst und auf Deine Intuition hörst.

Wie gehst Du mit der Trauer um? Welchen Raum hast Du geschaffen? Erzähl uns davon!


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