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Tote noch sehen oder lieber doch nicht?

Ich erinnere mich dunkel als meine Oma mütterlicherseits starb, war ich 6 Jahre. Im Leichenschauhaus lag meine Oma einige Tage aufgebahrt und wir gingen öfter hin. Ich musste vor dem Gebäude stehen bleiben und warten bis meine Mutter mit verschiedenen Verwandten wieder raus kam. Ich sollte meine Oma in dem Zustand nicht mehr sehen, sie in Erinnerung behalten wie sie zu Lebzeiten war. Verstanden habe ich das nicht.

Als dann einige Jahre später mein Opa, ihr Mann starb, war ich nicht viel älter und anscheinend immer noch zu jung, um den Toten zu sehen. Diesmal war ich mit in der Leichenhalle, doch es stellten sich mehrere vor mich, damit ich meinen Opa nicht noch mal sehen konnte. Wieder hieß es: „Halte ihn lebend in Erinnerung!“

Als mein Opa väterlicherseits starb, erfuhr ich es als Erste am Telefon und musste seinem Sohn, meinem Vater, über den Tod seines Vaters informieren. Sehen durfte ich meinen Opa mit inzwischen 18 Jahren auch nicht.

Den ersten Toten, den ich dann sah, war mein eigener Vater, da war ich 22. In dem gleichen Jahr starb seine Schwester, meine Tante, nicht gesehen, meine Oma väterlicherseits, nicht gesehen, eine andere Tante, nicht gesehen, ein Cousin, nicht gesehen …

Für mich fühlt es sich wie eine Lücke in der Beziehung an, wenn ich die Menschen in diesem „Zustand“ des Todes nicht mehr sehen darf. Meinen Vater zu sehen, seinen kühlen Körper noch mal zu berühren und Abschied zu nehmen, tat mir gut und hat mir geholfen über den Verlust ein wenig hinweg zukommen. Ich denke auch über 30 Jahre später noch an diese Minuten im Krankenhaus, wo ich auf seinem Bett saß. Sein Bein spürte ich in meinem Rücken, drückte mich dagegen, um diesen Moment nie zu vergessen. Und dieser Moment ist bis heute immer noch nicht vergessen.

Jahre später habe ich den neuen Lebensgefährten meiner Mutter nach langer Krankheit beim Übergang vom Leben in den Tod begleitet. Das war für mich am stimmigsten. In der Phase der Begleitung habe ich auch oft an meinen verstorbenen Vater zurück gedacht. Da ich meinen Vater nicht begleiten konnte und durfte, er war nach einer OP plötzlich gestorben. Meine Mutter und mich hatten sie nicht frühzeitig informiert. Mit der Sterbebegleitung des Lebensgefährten meiner Mutter hatte sich ein Kreis geschlossen. Wir durften in aller Ruhe Abschied nehmen. Bis zum letzten Atemzug saßen wir mit 5 Frauen um ihn rum: redeten mit ihm, streichelten ihn, sprachen ihm gut zu, aßen zwischendurch sogar, weil das Warten uns alle hungrig gemacht hatte. Und gaben dem Leben und dem Tod Raum. Seine Tochter erzählte ihm noch ihr ganzes Leben, dass der Vater zum Teil nicht mitbekommen hatte. Wir lauschten gemeinsam jedem seiner Atemzüge. Die Abstände des Ein- und Ausatmens wurden immer länger und länger. Es war zu Silvester 2016/2017 und als er den letzten Atem aus stieß, stand für uns die Zeit still. Wir machten die Fenster auf, um die Seele davon fliegen zu lassen, just in dem Moment startete das Feuerwerk und rundums Krankenhaus feierten alle und böllerten – es war Neujahr. Für mich ein unvergessliches Erlebnis mit dem Tod.

Haustiere nehmen auch Abschied

Es macht etwas mit uns, wenn wir Sterbende auf der letzten Etappe begleiten dürfen. Ich habe dadurch viel mehr Demut und Dankbarkeit entwickelt. Heute kann und darf ich frei entscheiden, ob ich jemanden noch sehen möchte oder nicht. Schwieriger haben es unsere Haustiere. Sie können nichts bestimmen. Sie erfahren es manchmal garnicht, wenn ihr Frauchen oder Herrchen gestorben ist.

Dabei ist es wichtig auch für Tiere, ob Hunde, Katzen, Pferde etc. Abschied zu nehmen. Sie müssen fühlen und schnuppern, dass Ihr Mensch nicht mehr atmet, sich verändert und kalt wird. Dann können sie loslassen.

Der Film „Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft“ zeigt was geschieht, wenn Tiere nicht Abschied nehmen können. In dem Film geht es um einen Musikprofessor (gespielt von Richard Gere) und seinen japanischen Akita-Hund Hachiko. Seine Treue zu seinem Herrchen wärt weit über den Tod hinaus. In dem Film wartet der Hund jeden Tag auf die Rückkehr seines Herrchens um 17 Uhr am Bahnhof. Nachdem sein Herrchen an Herzversagen in der Uni verstorben ist und nicht zurückkehrt, gibt die Witwe den Hund an den Sohn weiter. Doch Hachiko akzeptiert ihn nicht und läuft immer wieder weg, um täglich um 17 Uhr seine Warteposition am Bahnhof einzunehmen. Er wartet auf sein Herrchen und das bis zu seinem eigenen Tode.

Wie sehen Sie es – möchten Sie die Verstorbenen noch sehen? Oder warum lieber nicht?


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